second mate
04.05.2009, 19:04
Stephan Huck [Hrsg.], Ringelnatz als Mariner im Krieg 1914-1918, Verlag Dr. Dieter Winkler, Bochum 2003, (=Kleine Schriftenreihe zur Militär-und Marinegeschichte, Band 4), 125 Seiten, Kartonierte Ausgabe: Euro 9.80, Leinenband Euro 27.80
Die skurrilen Erlebnisse des Seemanns Kuddel Daddeldu sind vielen Clipperianern wohlbekannt, weniger weiß man über seinen geistigen Vater Joachim Ringelnatz, der mit bürgerlichem Namen Hans Bötticher hieß. Wie seinem „Kollegen“ Graf Luckner schmeckte dem jungen Bötticher das Gymnasium altväterlicher Prägung überhaupt nicht und so ging er mit 17 Jahren zur See. Allerdings riß er nicht wie Phylax von zu Hause aus, sondern heuerte mit Billigung seines Vaters an, der stattliche 300 Mark für die Ausrüstung und Vermittlung an den Hamburger Heuerbaas zahlte. Das „eiserne Vollschiff“, welches Hans und seine Kameraden in Le Havre erwarten sollte, entpuppte sich als die kleine hölzerne Bark ELLI aus Oldersum. Die Erlebnisse in der Westindienfahrt auf ELLI veröffentlichte er 1911 unter seinem bürgerlichem Namen in der Schrift „Was ein Schiffsjungentagebuch erzählt“. Es folgten noch einige Reisen als Leichtmatrose auf Dampfern, ehe Hans Bötticher 1904 als Einjährig-Freiwilliger der Marine der Militär-Dientspflicht nachkam. Danach folgte ein durchaus bürgerlicher Lebensabschnitt als Lehrling und später Kommis der Hamburger Dachpappenfabrik Ruberoid. In den Jahren 1914-1918 tat Bötticher Dienst in der Kaiserlichen Marine. Vorliegender Titel zerfällt, um es im Militärdeutsch zu sagen, in vier Teile, eine tabellarische Übersicht zu Leben und Werk und drei Aufsätze.
Im ersten Referat befasst sich Frank Woesthoff mit der oben bereits kurz skizzierten maritimen Karriere des Joachim Ringelnatz.
Der zweite Aufsatz hat keinen direkten Bezug zu Ringelnatz, er stellt einen Abriß der deutschen Marinekriegsführung im ersten Weltkrieg dar.
Im dritten Beitrag referiert Frank Möbius über die Autobiographie des Joachim Ringelnatz, besser gesagt über den Teil zwei derselben, der erstmals 1928 unterm Titel „Als Mariner im Krieg“ erschien, wobei der Autor das Pseudonym Gustav Hester benutzte. Bötticher war bereits im August 1914 einberufen worden, zu seinem Ärgernis nicht zu den Kampfschiffen, sondern zur fliegenden Hilfsminensuchdivision und zu den Vorpostenbooten. Er war in Wilhelmshaven, Cuxhaven, Kiel, Warnemünde, an der Memel und in der Rigaer Bucht stationiert. Als ehemaligem Einjährig-Freiwilligen stand ihm prinzipiell die Offizierskarriere offen, doch es galt, „inoffizielle“ Schwierigkeiten zu überwinden. Hans Bötticher entsprach vom Äußeren her so gar nicht dem Bild eines preußischen Marineoffiziers und sein Mangel an finanziellen Ressourcen machte es dem Offiziersanwärter schwer, bei den gesellschaftlich unumgänglichen Ausgaben im Kasino mitzuhalten. Den steinigen, geradezu quälenden Weg zum Leutnant hat er in der Autobiographie eindrucksvoll beschrieben. Im Rahmen der Hilfsminensuch-Division in Cuxhaven wird er Kommandant auf den Minensuchbooten CAROLINE und FAIRPLAY VI, letzteres ein umgewidmeter Hafenschlepper. Als seine Einheit im Februar 1918 aufgelöst wird, überträgt man ihm das Kommando über die Batterie Seeheim bei Cuxhaven, wo er sich in ein inneres Exil zurückzieht. Möbius geht vor allem auch auf die Rezeptionsgeschichte der Autobiographie ein, in der Ringelnatz den stupiden Alltag des Dienstes in schonungsloser Weise nachzeichnet. Kein Wunder, dass Ringelnatz dem aufkeimenden Faschismus mit seiner neuerlichen Kriegsverherrlichung ein Dorn im Auge war. Bei den Bücherverbrennungen 1933 standen auch seine Werke auf der schwarzen Liste.
Eine zusammenfassende Beurteilung der vorliegenden Publikation fällt schwer. Die beiden Aufsätze mit Bezug zu Ringelnatz sind knapp, aber informativ, besonders derjenige aus der Feder von Frank Möbius beeindruckt durch die kritische historische Betrachtungsweise. Auch der kriegsgeschichtliche Abriß von Werner Rahn verdient volle Anerkennung und ist bereits in veränderter Version in erstrangige militärgeschichtliche Sammelwerke aufgenommen worden. Man muß sich aber fragen, wieso er ausgerechnet in diesem Band erscheint, listet er doch gerade diejenigen marinegeschichtlichen Ereignisse des Ersten Weltkriegs auf, an denen Leutnant Bötticher alias Gustav Hester alias Joachim Ringelnatz eben nicht teilgenommen hat. Freilich, wollte man das militärische Umfeld Böttichers durch die Kriegsjahre hindurch näher beleuchten, als er selbst dies getan hat, wäre hierzu eine jahrelange Spurensuche vonnöten und einer solchen hat sich bis dato noch kein Autor unterzogen. Für den ausgesprochenen Ringelnatz-Fan ist der Band aber zweifellos ein Muß, wobei der günstige Preis der kartonierten Ausgabe die Anschaffung erleichtert.
© Wolfgang Bühling
Die skurrilen Erlebnisse des Seemanns Kuddel Daddeldu sind vielen Clipperianern wohlbekannt, weniger weiß man über seinen geistigen Vater Joachim Ringelnatz, der mit bürgerlichem Namen Hans Bötticher hieß. Wie seinem „Kollegen“ Graf Luckner schmeckte dem jungen Bötticher das Gymnasium altväterlicher Prägung überhaupt nicht und so ging er mit 17 Jahren zur See. Allerdings riß er nicht wie Phylax von zu Hause aus, sondern heuerte mit Billigung seines Vaters an, der stattliche 300 Mark für die Ausrüstung und Vermittlung an den Hamburger Heuerbaas zahlte. Das „eiserne Vollschiff“, welches Hans und seine Kameraden in Le Havre erwarten sollte, entpuppte sich als die kleine hölzerne Bark ELLI aus Oldersum. Die Erlebnisse in der Westindienfahrt auf ELLI veröffentlichte er 1911 unter seinem bürgerlichem Namen in der Schrift „Was ein Schiffsjungentagebuch erzählt“. Es folgten noch einige Reisen als Leichtmatrose auf Dampfern, ehe Hans Bötticher 1904 als Einjährig-Freiwilliger der Marine der Militär-Dientspflicht nachkam. Danach folgte ein durchaus bürgerlicher Lebensabschnitt als Lehrling und später Kommis der Hamburger Dachpappenfabrik Ruberoid. In den Jahren 1914-1918 tat Bötticher Dienst in der Kaiserlichen Marine. Vorliegender Titel zerfällt, um es im Militärdeutsch zu sagen, in vier Teile, eine tabellarische Übersicht zu Leben und Werk und drei Aufsätze.
Im ersten Referat befasst sich Frank Woesthoff mit der oben bereits kurz skizzierten maritimen Karriere des Joachim Ringelnatz.
Der zweite Aufsatz hat keinen direkten Bezug zu Ringelnatz, er stellt einen Abriß der deutschen Marinekriegsführung im ersten Weltkrieg dar.
Im dritten Beitrag referiert Frank Möbius über die Autobiographie des Joachim Ringelnatz, besser gesagt über den Teil zwei derselben, der erstmals 1928 unterm Titel „Als Mariner im Krieg“ erschien, wobei der Autor das Pseudonym Gustav Hester benutzte. Bötticher war bereits im August 1914 einberufen worden, zu seinem Ärgernis nicht zu den Kampfschiffen, sondern zur fliegenden Hilfsminensuchdivision und zu den Vorpostenbooten. Er war in Wilhelmshaven, Cuxhaven, Kiel, Warnemünde, an der Memel und in der Rigaer Bucht stationiert. Als ehemaligem Einjährig-Freiwilligen stand ihm prinzipiell die Offizierskarriere offen, doch es galt, „inoffizielle“ Schwierigkeiten zu überwinden. Hans Bötticher entsprach vom Äußeren her so gar nicht dem Bild eines preußischen Marineoffiziers und sein Mangel an finanziellen Ressourcen machte es dem Offiziersanwärter schwer, bei den gesellschaftlich unumgänglichen Ausgaben im Kasino mitzuhalten. Den steinigen, geradezu quälenden Weg zum Leutnant hat er in der Autobiographie eindrucksvoll beschrieben. Im Rahmen der Hilfsminensuch-Division in Cuxhaven wird er Kommandant auf den Minensuchbooten CAROLINE und FAIRPLAY VI, letzteres ein umgewidmeter Hafenschlepper. Als seine Einheit im Februar 1918 aufgelöst wird, überträgt man ihm das Kommando über die Batterie Seeheim bei Cuxhaven, wo er sich in ein inneres Exil zurückzieht. Möbius geht vor allem auch auf die Rezeptionsgeschichte der Autobiographie ein, in der Ringelnatz den stupiden Alltag des Dienstes in schonungsloser Weise nachzeichnet. Kein Wunder, dass Ringelnatz dem aufkeimenden Faschismus mit seiner neuerlichen Kriegsverherrlichung ein Dorn im Auge war. Bei den Bücherverbrennungen 1933 standen auch seine Werke auf der schwarzen Liste.
Eine zusammenfassende Beurteilung der vorliegenden Publikation fällt schwer. Die beiden Aufsätze mit Bezug zu Ringelnatz sind knapp, aber informativ, besonders derjenige aus der Feder von Frank Möbius beeindruckt durch die kritische historische Betrachtungsweise. Auch der kriegsgeschichtliche Abriß von Werner Rahn verdient volle Anerkennung und ist bereits in veränderter Version in erstrangige militärgeschichtliche Sammelwerke aufgenommen worden. Man muß sich aber fragen, wieso er ausgerechnet in diesem Band erscheint, listet er doch gerade diejenigen marinegeschichtlichen Ereignisse des Ersten Weltkriegs auf, an denen Leutnant Bötticher alias Gustav Hester alias Joachim Ringelnatz eben nicht teilgenommen hat. Freilich, wollte man das militärische Umfeld Böttichers durch die Kriegsjahre hindurch näher beleuchten, als er selbst dies getan hat, wäre hierzu eine jahrelange Spurensuche vonnöten und einer solchen hat sich bis dato noch kein Autor unterzogen. Für den ausgesprochenen Ringelnatz-Fan ist der Band aber zweifellos ein Muß, wobei der günstige Preis der kartonierten Ausgabe die Anschaffung erleichtert.
© Wolfgang Bühling